Gar nichts zum Fremdenhass und Fremdenhasserhass zu schreiben ist eine lockende Alternative. Denn es ist schwierig über dieses Thema zu schreiben und gleichzeitig der Menschlichkeit die Treue zu halten.

Die entscheidende Frage, die mich heute beschäftigt:

Wie kann ich menschlich handeln und etwas Lebensdienliches bewirken, wenn ich es mit einer komplexen und emotional aufgeladenen Situation zu tun habe?

Fremden(hasser)hass als Selbsthassvariante?

Ich bin ein nachrichtenscheuer Mensch. Meine Nachrichtenscheu bewahrt mich davor nachrichtenbescheuert zu werden. Sie bewahrt mich davor, mir den Pelz an provokanten Unbekannten zu verbrennen. Sie bewahrt mich vor dem Pelz auf der Zunge, den jene Worte hinterlassen würden, die ich an meinem Herzen vorbei mogle. Klar, das ist eine faule und naive Strategie. Ich will mich aus dem ganzen Gezeter heraushalten.

“Europa am finanziellen Abgrund. Deutschland überrannt. Andere Länder abgebrannt.”

Bei solch bedrohlichen Sätzen kann man schon mal die Fassung, sich selbst und dann unweigerlich die Nächsten aus den Augen verlieren. Manchmal kommt das auch gelegen, weil man sich schon verloren hatte und jetzt etwas da draußen dafür verantwortlich machen kann.

Auf jeden Fall bleibt keine Zeit, darüber nachzudenken, wie man sich wieder finden könnte. Schon gar nicht Zeit, sich tatsächlich auf Pilgerschaft zu sich selbst zu begeben. So betrachtet ist Fremdenhass eine Spielart unter tausend Spielarten des Selbsthasses.

Ich sollte mich vielleicht wichtiger nehmen

Ich könnte mich wahnsinnig wichtig nehmen. Ich könnte meine Ansichten über die Menschen und Dinge grausam ernst nehmen. Ich könnte dieses kleine Stimmchen erheben und auf große Wirkung über die Social Media Kanäle hoffen. Vorausgesetzt ich glaubte an Kampf und Gebrüll.

Ich könnte mich am medialen Specktakel beteiligen – mit fetten Worten – und mir einreden, ich wolle etwas Wesentliches und Positives bei anderen bewirken. In Wirklichkeit wäre das eine Strategie, um vor mir selbst davon zu laufen.

Ich könnte mich ins sozio-kulturelle Tohuwabohu (aus dem Hebräischen …) stürzen, und darüber vergessen, wie dringend ich in meiner eigenen Stube kehren sollte.

Ich könnte auf dem Hassfest tanzen und meine Freudlosigkeit überspielen, in dem Gefühl mein Leben sei doch irgendwie bedeutsam.

Deutschland wem nochmal?

Das Leben scheint unendlich komplex. Ich kann die Sehnsucht nach einfachen Antworten und einfachen Lösungen der vermeintlich einfachen Menschen gut verstehen. Hass auf Fremde? Hass auf Fremdenhasser? Deutschland den Deutschen? Ich kann das verstehen.

Ich hielt den Zen-Buddhismus lange für die ultimative Lösung angesichts der komplexen menschlichen Situation. Ich versuchte penetrant, andere zu bekehren. Die letzten Jahre habe ich Menschen mit meinen eigenen komplizierten Antworten auf die Frage des Glücks geplagt. Ich fühlte mich der Wahrheit so nahe, das musste ich alle wissen lassen.

Jetzt sind mir nur noch drei einigermaßen verlässliche Möglichkeiten geblieben, um etwas Kleines zum gelingenden Miteinander beizutragen:

  1. Freundlich und zugewandt schweigen.
  2. Vom Herzen geleitet, also beherzt, handeln.
  3. Gewissenhaft mit allen Rückmeldungen umgehen.

Über andere nachdenken, über andere reden und anderen erklären, was sie tun und lassen sollen, das sind drei andere Optionen, an die ich immer weniger glaube.

Crêpe mit Suzette

Ich reibe mich an den kühnen Wahrheiten der Menschen auf. Ich quäle meine Mitmenschen mit Einschätzungen, Lösungen und Interpretationen. Die Welt gibt mir glaubhaft Anlass, eifrig und herzlos mitzumischen.

Doch wo ich mein Herz umgehe, verliere ich mich selbst. Wo ich mich selbst verliere, bringe ich Unmenschlichkeit hervor. Egal auf welcher Seite ich streite: Wenn ich kämpfe, dann verrate ich das Leben.

Ich glaube an Geschmeidigkeit, Gelassenheit und das kleine Glück. Weniger abgeschieden und weltabgekehrt wie einst, sondern zugewandt und offen.

Mich dafür anstrengen, scheint mir das einzig Vernünftige, um für Friede, Freude und, gelegentlich, Eierkuchen zu sorgen.

Ich arbeite schon lange daran. Kein Ende in Sicht. Wie kam ich auf die Idee, ich müsste andere in Sachen Menschlichkeit belehren?

Author Martin Wedgwood

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