“Manchmal ist sie nervtötend, diese ewige Spiralbewegung gelassener Potentialentfaltung.” Das habe ich neulich geschrieben. Und es hätte ein weiterer Blogbeitrag werden können, in dem ich mich an fixen Ideen festhalte, während ich in komplexen Gedankenkreisen um diese Ideen herum stolpere.

Das Bild hier: Der kleine Wedgwood, der bei seinem angestrengten Spiel auf dem Spielplatz vollkommen vergisst, dass er spielt und glaubt, er sei mit etwas Ernsthaftem und Weltbewegendem beschäftigt. Monsieur Wedgwood, der in Raum und Zeit verloren an seinem Spielgerät herum turnt, als müsste er erst noch an den Ort des Glücks gelangen, und darüber in vertrauter Gesellschaft vergisst, dass er sich schon immer am Ort des Glücks befunden hat und befindet.

Und vielleicht halten Sie auch am einen oder anderen Lieblingsspiel und Spielgerät fest – was auch immer es sein mag, ob Sie es als Spiel oder Quälerei empfinden mögen:

Krise, Erfolg, Reichtum, Gesundheit, Erleuchtung, Probleme, Krankheit, Familie, Gott, Krieg, Armut, Hass, Liebe, Auswandern, Heiraten, Kinderkriegen, berufliche Probleme, Angst, Ungerechtigkeit, Einsamkeit, Freiheit, sexuelle Erfüllung, Macht, Potentialentfaltung, Verwirrung, Depression, Euphorie, Jesus, Buddha, Allah, Einkommenssteuererklärung, Sparen, Sporttreiben, Frauen oder Männer flachlegen, spirituelle Praxis, Porsche Carrera, neues oder altes Jahr, Veganismus, Pazifismus.

Die große, immer verfügbare Erleichterung

Es ist erleichternd zu sehen, wie wenig es braucht, um das übereifrige Spiel zu beenden und jene Mythen zu entlarven, welche sich um Sieg und Niederlage ranken. Es reicht, den Spielplatz des Lebens als solchen anzuerkennen. Es genügt, jener Lust zu folgen, die mich die Vielfalt an Spielmöglichkeiten erkunden oder im Sand wühlen oder auf irgendeiner Unterlage selig vor mich hin dösen lässt.

Vielleicht hatte Eihei Dogen, der mutige, reichlich ernste und strenge Zen-Meister, der als Begründer des Soto-Zen in Japan gilt, recht:

Vielleicht gibt es in der Tiefe, in jener Dimension, welche die existenziellen Fragen berührt, nichts zu verlieren und nichts zu gewinnen, auch wenn es an der Oberfläche großen Reichtum und erschreckende Armut geben mag.

Vielleicht gibt es eine Möglichkeit, das zu erkennen oder wenigstens eine Möglichkeit, sich an diesen Gedanken zu gewöhnen. Vielleicht ist das der Moment, wo wir von unserem Lieblingsspielgerät ablassen, um Neues auszuprobieren, oder weniger verbissen dran bleiben, in dem wieder erwachten Wissen, dass es nur ein Spiel ist, mit dem wir uns da sportlich herum quälen.

Potentialentfaltung ist nett. Na und?

Ist sie wirklich nervtötend, diese ewige Spiralbewegung gelassener Potentialentfaltung? Ich muss zugeben, dass ich keine Ahnung habe, ob sie ewig ist. Und keine Ahnung, ob es eine Spiralbewegung ist. Und nervtötend? Was weiß ich schon?

Gegen Ende des letzten Jahres habe ich recht plötzlich die Lust an meinem Lieblingsspielgerät, der gelassenen Potentialentfaltung, verloren. Potentialentfaltung, ich hatte es schon länger geahnt, vollzieht sich in jedem Augenblick, welchen Standpunkt wir auch immer diesbezüglich einnehmen mögen. Ob wir die Entfaltung der Potentiale als solche nun schätzen können oder nicht. Hier gibt es wenig zu tun. Staunen vielleicht.

  • Potentialentfaltung ist das, was sich natürlicherweise beim Spielen ereignet, auch wenn sich mancher damit rühmen mag, er hätte die Wunder tatsächlich selbst und absichtlich hervorgebracht.
  • Potentialentfaltung ist das Leben selbst, das sich durch uns, die Menschen und Dinge manifestiert und einer ganz eigenen, ursprünglichen Dynamik folgt.
  • Potentialentfaltung ist kein Weg zum Glück, wie ich mitunter zu behaupten wagte, denn es gibt nur Wege, die durch das farbenprächtige und vielgestaltige Land des Glücks hindurch führen.

Irgendwie hatte ich das beim eifrigen und ehrgeizigen Turnen aus den Augen verloren.

Weihnachten und so …

Dieser Spielplatz der Gegenwart duftete eben noch lecker nach Lebkuchen und Glühwein. Nach dem kollektiven und kommerzialisierten Besinnlichkeitsspiel, folgt nun wieder der besinnungslose, kühle Alltag des Rödelns und sich an Erfolg und zukünftigem Glück Versuchens.

Die einen besteigen mit Ernst und redlichen Vorhaben und Zielen die Schaukel des neuen Jahrs und hoffen, sie könnten sich auf eine Wolke schaukeln oder, paradoxerweise, schaukelnd festen Boden unter die Füße kriegen. Die anderen folgen ernst, entschlossen oder gelangweilt vertrauten Spiel- und Bewegungsrouten. Andere irren weiter verzweifelt durch das existenzielle Labyrinth …

Ich, wie gesagt, spiele im Sand und stehe bereit für all jene, die sich an einem gemeinsamen Forschungsspiel beteiligen möchten. Die leitenden Fragen:

  • Wie wäre es wohl, wenn wir kollektiv den Ernst, den Ehrgeiz und die Verbissenheit gegen eine spielerische, neugierige und offene Haltung eintauschen würden?
  • Wie wäre es, wenn wir im Zappeln innehalten würden, um den Reichtum zu erkennen, zu schätzen und zu teilen, den wir kollektiv in uns tragen und welchen dieser große Spielplatz bereit hält?
  • Wie wäre es, wenn wir für kleine Momente so täten, als wäre dieses Leben und dieser Augenblick ein wundervoller Ort, an dem wir alles finden, wonach wir uns sehnen?

Gute Vorsätze für diesen Augenblick

Ich mag dieses Jahr eine Erkenntnis und Erfahrung im Herzen bewahren:

Dieser Augenblick mit seinem immensen Reichtum ist die Antwort auf meine großen Fragen und meine tiefe Sehnsucht.

Es ist ganz einfach. Meine Intelligenz, meine Fähigkeiten und meine Ideen sind ein immenser Luxus. Für die wesentlichen Erkenntnisse und Dinge komme ich ohne diese aus.

Dies jetzt ist das Glück, der Überfluss und Reichtum, in dem ich spielerisch leben darf und soll. Selbst wenn ihn andere zu einem Marktplatz, einem Friedhof, einer Wüste, einer Kampfarena, einem Kriegsschauplatz oder zu jenem Ort erklären, an welchem nur die Klugen, Starken, Gewaltbereiten und Durchsetzungswilligen überleben können und sollen.

Kaffee & Kuchen

Eben hatte ich noch die Plastikförmchen am Start und backte nasse Kekse. Eben lud ich noch ein zu Kaffee und Kuchen, die ich stolz und großzügig auf der hölzernen “Arbeitsfläche” meines Sandkastens für Sie anrichten wollte. Jetzt liegen hier schon wieder Spritzen und Glasscherben und wie jedes Jahr die Überreste von Raketen und Krachern herum. Ich mache erst mal sauber.

Dann versuche ich mich an der nächsten Burg: “Schloss Gelassenheit” mitten in der schönen Ortenau. Und ich lade Sie ein, sich als König und Königin dieser weiten, lebenswerten Landschaft der Gegenwart zu fühlen – Meeresrauschen im Ohr oder Kindergeschrei. Auf jeden Fall aber den Wind der Veränderung auf der Haut, welcher das Leben selbst ist.

Alles Liebe und Gute für diesen Augenblick

Ich wünsche Ihnen ein glückliches, gesegnetes und lebenswertes Jahr. Und ein klares und offenes Gespür fürs Wesentliche: Die pulsierende und überfließende Lebendigkeit dieses gegenwärtigen Augenblicks.

Peace & Happiness
Martin Wedgwood

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