Ich habe vor 26 Jahren angefangen, Zen-Buddhismus (Soto Shu) zu praktizieren. Erst ein Jahr alleine (völlig durchgeknallt) und dann 15 Jahre mit meinem Lehrer Olivier Rei Gen Wang-Genh (ein bisschen weniger durchgeknallt). Vor 23 Jahren (von hier aus betrachtet in meiner Lebensmitte) habe ich die Mönchsordination empfangen und mich recht intensiv in der Sangha (buddhistische Gemende -- Association Zen Internationale) engagiert.

Tatsächlich war ich auf einer gemischten Odyssee. Mit meiner generalisierten Angststörung (heute chronifizierte posttraumatische Belastungsstörung) war ich unglücklich und ebenso mit den Sinnangeboten, die mir die Welt nicht hinzuhalten schien.

Somit hatte ich es gleichermaßen auf Sinn, Glück und inneren Frieden abgesehen und Erleuchtung klang nach der perfekten Antwort auf meine Leiden und die vielen diffusen Lebensfragen.

Mit weichen Knien in die Landschaft

Die Praxis des Soto-Zen war so aber nicht gedacht. Sie ließ sich nicht für meine Zwecke einspannen. Und ich passte nicht zum Sitzen, wie sehr ich auch um mein Plätzchen auf dem Kissen kämpfte.

Nachdem ich mich 15 Jahre ausgiebig herumgequält hatte, gab sich etwas in mir geschmeidig geschlagen. Ich musste nicht einmal eine Entscheidung treffen. Der Körper ging zum Meister und sagte das war’s und dann ging er aus dem Kloster woanders hin.

Ich war möglicherweise reif, wahrscheinlich aber nur verzweifelt genug, um den äußeren Halt durch Formen, Gemeinschaft, Rolle, Ritual und vermeintlich nicht-vorhandene Dogmen hinter mir zu lassen.

Vielleicht war ich ja schon soweit, wie ein Großer alleine in der kosmischen Weite stehen zu können. Vielleicht war ich schon in der Lage, direkt mit Leben, Gott, kosmischer Ordnung oder wie man das Nicht-Fassbare nun nennen mag in Dialog zu treten. Vielleicht ließen sich außerhalb von Gewändern, Räumen und eigenartigen Beziehungsdynamiken die Flügel eher zur vollen Spannweite ausbreiten.

Dem war anfänglich natürlich nicht so. Aber nach und nach drang ich -- auch mit Unterstützung durch moderne Traumatherapie -- in meine enge, düstere Horrorhölle vor und konnte dort mit der beschaulich glimmenden Glut der Gegenwärtigkeit die wahre Größe jener Gespenster erkennen, die über Jahre riesengroße Schatten an die Wände meiner “äußeren Wirklichkeit” geworfen hatten.

Das Feld hatte ich lange Zeit bereitet, jetzt konnte der Samen ganz gemütlich und ohne Tamtam aufgehen. Zurück blieben Stille, eine erschreckende Gelassenheit und die Fähigkeit, mich nach vier Jahrzehnten das erste mal mit mir selbst und den anderen wohlzufühlen.

Keine Spur von Erleuchtung, um Missverständnissen vorzubeugen.

Berufenes Scheidungskind

Der Mönch bleibt übrig, wie die Kinder nach der Scheidung. Er erinnert mich natürlich an meine Zen-Tradition, die Praxis und die Gelübde. Vor allem aber ist er das schwache Echo eines alles durchdringenden Rufs, den ich schon lange höre.

Dieser Ruf lockt mich aus dem Schutz und Gefängnis irgendwelcher Traditionen, Praktiken und Anschauungen ins Niemandsland der Gegenwart. Ich bin jetzt glücklicher Flüchtling, lebenslustiger Wanderer und spirituell Staatenloser.

Konzepte, Praktiken und Wahrheiten flattern ihre Runden wie die Fledermäuse um den großen Ahorn in der Abenddämmerung vorhin. Ich freue mich daran und laufe mit der fremden Kuschelkatze ein Stückchen durch die junge Nacht.

Die Menschheit und mehr noch, alle Dinge sind jetzt meine Sangha und Gemeinschaft.

Mein Lehrer ist das Klappern der Tatstatur, die Buchstaben, die sich auf den Bildschirm zaubern und der Text, der Offenheit und Aufrichtigkeit von mir fordert. Mein Lehrer ist die Welt, sind die Menschen und Dinge, die mich mit ihren vielen lieben und unliebsamen Rückmeldungen zur inneren Prüfung einladen. Der Alltag ist mein Kloster. Und alles, was sich zeigt, ist meine Praxis. Im Handeln die Spreu der Illusion vom Weizen des Wesentlichen trennen heißt mein Weg.

Sicher, das klingt sehr nach Zen und auch ein bisschen peinlich und pathetisch. Was soll’s? Die Worte und dieser Text gehören mir nicht.

Nostalgische Genüsse

Ich vermisse die vielen lieben Mitschüler und Lehrer sehr, die in der Zen-Welt zurückgeblieben sind. Ich vermisse die Gewänder, die Gesänge, die geteilte Stille am Morgen, die Schritte im leuchtenden Schnee, den Geruch von Räucherwerk in der Luft und das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein. All das war mein Zuhause und meine Familie.


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Wahrhaftig Mönsch sein

Der japanische Zen-Mönch heißt Unsui -- Wolke und Wasser. Und Shukke: Der, der sein Zuhause verlassen hat. So kann ich besser Zen-Mönch sein: Als Mönsch draußen oder viel besser, drinnen, ach, irgendwo in dieser Welt.

Author Martin Wedgwood

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