Neulich wurde mir klar, wie fahrlässig es ist, einen Begriff wie “Gelassenheit” permanent im Munde zu führen oder, wie hier, dauernd in meinen Texten zu nutzen, ohne den Begriff zu klären.

Denn wie mir zuletzt deutlich bewusst wurde, gibt es recht unterschiedliche Arten, den Begriff “Gelassenheit” zu interpretieren.

Es scheint mir darum nötig, deutlich zu machen, wie ich diesen verstehe. Nur so kann ich darauf hoffen, dass Sie eine Ahnung davon bekommen, was ich sagen will, wenn ich den Begriff verwende.

Nun musste ich feststellen, dass ich dieses Vorhaben unmöglich in einem einzigen Artikel verwirklichen kann. Insgesamt sind es drei geworden, die folgende Unterthemen behandeln:

Gelassenheit, wie andere sie verstehen

Heute möchte ich mit zwei Definitionen von Gelassenheit beziehungsweise zwei Arten, Gelassenheit zu verstehen, beginnen. Beide arbeiten für mein Gefühl mit fragwürdigen Idealen und bringen existenzielle Nachteile mit sich, die ich für wenig tragbar halte.

Sicher gibt es eine viel größere Zahl an unterschiedlichen Möglichkeiten, den Begriff Gelassenheit aufzufassen. Da es mir in dieser Artikelserie aber vor allem darum geht, Ihnen mein Verständnis von Gelassenheit näher zu bringen, will ich Ihnen jene zwei Möglichkeiten vorstellen, bei denen es mir besonders wichtig scheint, eine Abgrenzung vorzunehmen.

Dabei handelt es sich

  1. um die Stoische Gelassenheit und
  2. die Laisse-faire-Haltung.

1. Stoische Gelassenheit

Die stoische Gelassenheit spielt mit dem Ideal einer geradezu heroischen Verfassung, die uns erlaubt, unter allen Umständen vollkommen ruhig zu bleiben. Das stoische Ideal kommt aus meiner Sicht in drei dumpfen Varianten daher.

Erste Variante der stoischen Gelassenheit: Passivität

Wenn wir uns am Ideal der stoischen Gelassenheit orientieren, dann laufen wir Gefahr, uns “stoisch” und passiv dem zu ergeben, was geschieht. Wir laufen Gefahr, jene wichtigen, lebendigen Impulse auf die Seite zu drängen, die uns auffordern, die Welt menschlich mit zu formen und gewissenhaft mit dem umzugehen, was uns begegnet.

Nicht selten fördern wir dadurch unbewusst eine innere Komplizenschaft mit den Machenschaften machthungriger Menschen aller Geschmacksrichtungen. Beispiele dafür finden wir bei den buddhistischen Mönchen und Samurai in Japan bis ins 20. Jahrhundert hinein oder bei Mitgliedern moderner Psychosekten.

Ähnliches finden wir aber auch in alltäglicheren Gruppierungen wie Unternehmen und politischen Organisationen, wo einzelne sich den Umständen fügen und bereit sind, ihre Selbstbestimmung und Integrität für vorübergehende äußere Ruhe und ein Gefühl von Sicherheit und Zugehörigkeit zu opfern.

Und wir finden diese Komplizenschaft bei uns selbst, wenn wir die modernen, meist medialen und virtuellen Brot-und-Spiele-Varianten übermäßig nutzen, um uns in einen Zustand leichter Euphorie oder Schläfrigkeit zu versetzen. Die Komplizenschaft entsteht hier durch Unterlassung. Wir überlassen das soziale Gestaltungsfeld anderen, während wir uns fast schon beseelt auf dem Sofa um unsere existenziellen Gestaltungseinladungen herum drücken.

Zweite Variante der stoischen Gelassenheit: Gefühllosigkeit und Gleichgültigkeit

Wenn wir die Welt aktiv und eigenverantwortlich mitgestalten, indem wir sie unserem Wollen und Willen unterwerfen und gleichzeitig gelassen bleiben wollen, dann bietet sich ebenfalls das stoische Ideal an. Allerdings müssen wir dann gefühllos und gleichgültig werden. Diese innere Haltung findet sich bei Gangstern diesseits und jenseits dessen, was juristisch erlaubt ist.

Ich persönlich kenne dieses Klischee bezogen auf die juristisch verfolgten Gangster vor allem aus Film und Fernsehen. Ein Pablo Escobar, eine Drive-By-Shootende Gang in South Central Los Angeles oder ein ganz böser Dealer in den Favelas Rio de Janeiros sind mir in Erinnerung.

In der Wirklichkeit fand ich dieses Klischee nur bei den wenigen total durchgeknallten Mördern im Knast bestätigt. Die meisten Mörder, die ich kennen lernen durfte, waren ziemlich normal und deutlich fähig zu Mitgefühl. Noch weniger bestätigt fand ich es dort, wo ich es am ehesten vermutet hätte: Bei den Zuhältern im Knast, die sich mit Muskeln verkleideten und sich viel härter gaben, als sie es in Wirklichkeit waren.

Am häufigsten aber finde ich diese Gefühllosigkeit und Gleichgültigkeit völlig frei von Klischees bei den durchgeknallten Rasern auf deutschen Autobahnen. Die juristisch legitimierten Psycho- und Soziopathen fräsen hier mit mörderischer Entschlossenheit und an absolute Dummheit grenzender Selbstüberschätzung über die linke Spur. Geradeso als wären sie direkt von Gott gesandte Gebieter der Welt und nicht vor Gott Gestrandete in der wüsten Leere eines möglicherweise nützlichen, aber ziemlich sinnlosen Lebens.

In welcher Form auch immer: Gleichgültigkeit und Gefühllosigkeit, oder moderner Coolness und Gechilledsein, sind der fade zweidimensionale Abklatsch echter Gelassenheit. Dabei handelt es sich um eine selbstüberhöhende Haltung, bei der wir quasi über den Dingen stehen.

Manchmal stehen wir dabei mitten in den Dingen, allerdings in gefühlt monumentaler Größe, und geben mit zur Schau gestellter Souveränität vor, wir hätten alles im Griff und könnten alles wuppen, was da so an willkürlichem Gedöhns durch unser halbes Leben fliegt.

Gleichgültigkeit und Gefühllosigkeit sind Ausdruck einer dreifachen Verweigerung:

  1. Wir verweigern uns der Verbindung zu unserem Herzen und damit zu unserem Gewissen.
  2. Wir weigern uns, Verantwortung zu übernehmen und gewissenhaft zu handeln.
  3. Wir weigern uns, wie oben bereits ausgeführt, die Welt beherzt und unsere zwischenmenschlichen Beziehungen herzlich mitzugestalten.

Dritte Variante der stoischen Gelassenheit: Weltflucht

Wir können den Weg der Gleichgültigkeit und Passivität meiden und doch dem stoischen Gelassenheitsideal anhängen. Es gibt einen stoischen Ausweg aus Passivität und Gefühllosigkeit: Weltflucht.

Wir müssen uns nur aus der Welt und ihren vielfältigen Anforderungen in den Wald, ins Kloster oder quasi-autistisch in unsere anonyme, urbane Mieteinsiedelei zurückziehen.

Aber das geht auch nur bedingt und für eine gewisse Zeit, weil wir dabei unsere sozialen Bedürfnisse unterdrücken müssen. Und das gelingt nur für einen überschaubaren Zeitraum, bevor wir uns Schafen und Ziegen zuwenden. Und unter uns: Wer will das schon?

Und wenn wir uns blöd anstellen, was unsere Selbstversorgungsbestrebungen angeht, dann sitzen wir materiell und futtertechnisch schnell auf dem Trockenen. Aus dieser Richtung kommt denn auch häufig der Sog, welcher den stoischen Einsiedler zurück ins Getümmel saugt.

All diese Varianten kommen dumpf daher, beziehungsweise müssen dumpf daher kommen, denn es ist immer irgendeine Form von Polster und Schutzmantel im Spiel:

  1. Ein massives Muskelkorsett, manchmal mit Tattoos überzogen und mit Kampfhund zusätzlich abgesichert.
  2. Ein gefühlt gepanzerter, vierrädriger Superbolide mit Airbags, die im Notfall aus 24 Richtungen geflogen kommen,
  3. Fernseh- und Medienwatte in Form von fremden Gedanken im Hirn und künstlichen Emotionen im Körper,
  4. Alkohol oder Drogen in der Blutbahn oder
  5. große Luftschichten und hohe Mauern zwischen uns und den anderen.

2. Laissez-Faire

Kollegen haben neulich vor meinen Augen engagiert den Gelassenheitsbegriff zerlegt. Vielleicht sollte ich ressourcen-orientiert von chirurgisch begabten Freunden sprechen? Immerhin zerlegen und filetieren sie, was sich eben noch rund und ganz anfühlte in seine Einzelteile.

Und hey, das ist doch auch mal interessant. Da kann man alles einzeln hoch ins grelle, kalte Licht der Analyse halten, feingeschnitten und gepresst unters Mikroskop packen und bei alledem so tun, als verstünde man, was man da untersucht, während das Wesentliche mit dem Zerlegen bereits sein Leben ausgehaucht hat.

Mir ist nicht klar, was die beiden geritten hat, da sie den Begriff “Gelassenheit” an vielen Stellen selbst verwenden. Eines aber ist sicher: In ihrer Argumentation haben sie sich auf ein Verständnis von Gelassenheit eingeschossen, die dem gleich kommt, was der Franzose als “Laissez-faire” bezeichnet. Das heißt so viel wie “es laufen oder geschehen lassen”, aber auch “Fünfe gerade sein lassen”.

So verstanden beschreibt Gelassenheit eine passive Haltung, die sich nahezu elegant zwischen Gleichgültigkeit und totaler Tiefenentspannung bewegt. Der Anhänger dieses Lebensstils entledigt sich dabei auf ganz ähnliche Weise seiner Verantwortung für das menschliche Mitgestalten dieser Welt wie der weltabgewandte Einsiedler.

Aber diese Haltung ist schwer durchzuhalten. Sie verlangt nach äußerer Unterstützung, sei es künstlich, durch Alkohol oder andere narkotisierende Substanzen, oder natürlich, durch Sonne und der damit einhergehenden körperlichen Tiefenentspannung durch Lufttemperatur.

Deswegen kennen wir diesen Lebensstil und diese Gelassenheitsvorstellung aus den südlichen Regionen Frankreichs. Der Elsässer ist davon weiter entfernt als der Schwabe, der davon gar nicht so weit entfernt ist wie ich immer tue. Zumal, wenn er oder sie aus Oberschwaben kommt.

Aber wir finden die Laissez-Faire-Haltung als Bewohner mitteleuropäischer Gefilde mal sehnsuchtsvoll, mal entwertend in verschiedenen Ländern, die ans Mittelmeer angrenzen: Italien mit seinem “Dolce far niente” und Spanien mit seinem “manana”. Keine Ahnung, was die Kroaten, Griechen und Türken da zu bieten haben. Und dann haben wir erst damit begonnen, den europäischen Nahraum abzuklappern.

Fazit: Der Preis für die beschriebenen Formen der Gelassenheit ist hoch

Passive Gefügigkeit, Gefühllosigkeit und Gleichgültigkeit sind meist Formen des Selbstverrats, die destruktiv auf uns selbst und auf andere wirken. Noch strenger formuliert bestehlen wir die Welt um den wesentlichen Beitrag, den wir nur dann leisten können, wenn wir uns selbst treu bleiben und in angemessener Beziehung mit Menschen und Dingen leben. Dies sage ich einschränkend, weil es Menschen, teilweise im Autismus- und Asperger-Spektrum gibt, die tatsächlich weniger emotional und weniger empathisch sind, als die meisten Menschen.

Totale Weltflucht kann Verrat am Miteinander, an der menschlichen Gemeinschaft und unseren eigenen sozialen Bedürfnissen bedeuten. Das sage ich einschränkend, weil es Menschen gibt, die tatsächlich zu einem monastischen oder weltabgewandten Leben berufen sind.

Und Laissez-Faire, auf die Gefahr hin, dass ich mich als Kultur-Chauvinist oute, kann ein Risiko in sich bergen, die grundlegenden und notwendigen materiellen Belange zu vernachlässigen. Dies sage ich einschränkend, weil wir Menschen des Nordens, zumal in Deutschland und in der deutschen Schweiz, ganz gut daran täten, mit ein bisschen Laissez-faire unsere hoch disziplinierte und unterkühlte Geschäftstüchtigkeit in Richtung Menschlichkeit und Leichtigkeit abzurunden.

Es reicht für heute

Im nächsten Beitrag dieser Serie möchte ich Ihnen jene  Auffassung von Gelassenheit vorstellen, die auf meinem Mist gewachsen ist. Deren Wurzeln reichen tief durch die Sedimentschichten der Kultur- und Religionsgeschichte hinab.

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Author Martin Wedgwood

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