Im letzten Artikel dieser Serie „Gelassenheit,  wie andere sie verstehen“ habe ich zwei Auffassungen von Gelassenheit vorgestellt:

  1. Stoische Gelassenheit
  2. die Laissez-Faire-Haltung

Hier lag mir daran, mit Gelassenheitsklischees aufzuräumen und die unerwünschten Nebeneffekte landläufiger Gelassenheitsmythen aufzuzeigen.

Heute möchte ich Ihnen meine Auffassung von Gelassenheit vorstellen. Hierzu bediene ich mich einer komplexen Definition und nutze zwei kompakte Anleitungen, um Ihnen eine erste theoretische Annäherung zu ermöglichen.

Darüber hinaus zeige ich auf, bei wem ich geistige Anleihen für mein Verständnis von Gelassenheit gemacht habe.

Meine Definition von Gelassenheit

Gelassenheit ist

  • eine aktiv-achtsame Haltung,
  • eine lebendige innere Verfassung,
  • ein wohliges Lebensgefühl,

das sich dann einstellt,

  • wenn wir in Kontakt mit dem sind, was sich hier und jetzt zeigt und ausgehend davon
  • in Übereinstimmung mit unserer Intuition oder Körperweisheit und
  • in achtsamer Beziehung, mit Menschen und Dingen handeln.

Komprimierte Anleitungen zur Gelassenheitspraxis

Die komprimierte Anleitung für ein gelassenes Leben, oder wie ich das nenne, für gelassene Potentialentfaltung, die sich in jedem Augenblick als wesentliches Orientierungswerkzeug nutzen lässt, habe ich im “Achtsamen Lustprinzip” zusammengefasst:

Ich entfalte wesentliche Potentiale und komme in meine Mitte, wenn ich in Resonanz mit mir selbst und in produktiver Spannung mit Menschen und Dingen handle.

Das gleiche einfacher gesagt:

Ich entfalte wesentliche Potentiale und komme in meine Mitte, wenn ich meiner Lust achtsam folge und dabei behutsam, sorgfältig und wertschätzend mit Menschen und Dingen umgehe.

Abgrenzung zu den Gelassenheitsdefinitionen im ersten Artikel

Die beiden Gelassenheitsdefinitionen, die ich im ersten Artikel dieser Serie beschrieben habe, setze ich mit meiner Definition außer Kraft.

  • In der Gelassenheit, die ich meine, sind wir mit unserem Herzen verbunden und intensiv körperlich präsent. Beides schließt Gefühllosigkeit aus.
  • In der Gelassenheit, die ich meine, begegnen wir uns selbst, den Menschen und den Dingen mit Dankbarkeit, Achtsamkeit und Wertschätzung. Diese Art, in Kontakt mit der Welt zu sein, ist das exakte Gegenteil von Gleichgültigkeit.
  • In der Gelassenheit, die ich meine, fühlen wir uns zutiefst unserem Gewissen verpflichtet. Wir lauschen auf den Ruf des Lebens und folgen diesem mutig und manchmal sogar radikal – auch, wenn wir uns vielleicht ein bequemeres Leben wünschen. Dies schließt Aktivitäten und Anforderungen ein, die weit außerhalb der Laissez-Faire-Zone, oder mit einem anderen Begriff benannt, der Komfortzone liegen.

Diese Art zu leben beinhaltet darüber hinaus Momente, in denen wir in intensiven Kontakt und Austausch mit der Welt gehen. Gleichsam umfasst diese Lebensweise Momente, in denen wir uns aus der Welt zurückziehen, um innere Klärung, Neuordnung und Inspiration zu ermöglichen.

Eine dauerhafte Weltabgewandtheit ist in diesem Verständnis dann möglich, wenn uns das Leben tatsächlich auf diesen Weg ruft.  Weniger aber, als Strategie, um uns um wesentliche Entwicklungsaufgaben herumzudrücken.

Die Schultern, auf denen ich stehe

Wie Sie sich denken können, habe ich diese Definition, diese komprimierten Anleitungen und meine grundlegende Gelassenheitsauffassung nicht mal eben aus dem Ärmel geschüttelt. Seit 25 Jahren beschäftige ich mich intensiv mit der Frage, wie wir

  • einerseits unsere Potentiale entfalten und zielorientiert, also intensiv leben können, und
  • andererseits in unsere Mitte und in die Gegenwart kommen, also gelassen leben können.

Dabei habe ich manches ausgemustert, manches auf neue Art zusammengeführt und manches weiterentwickelt.

Begonnen habe ich diese Auseinandersetzung mit den Büchern “Die Kunst des Liebens” und “Haben oder Sein” von Erich Fromm. Er hat für diese Form der Gelassenheit den Begriff des “Seins” oder der “Orientierung am Sein” geprägt und tat dies in Abgrenzung zur Haltung des “Habens” oder der “Orientierung am Haben”.

Bei Erich Fromm fand ich auch den Verweis auf Meister Eckart, den großen deutschen Mystiker des Mittelalters. In seinen Predigten und Traktaten nimmt er einiges auf sich, beim Versuch, Worte für das Unaussprechliche zu finden, das jene Gelassenheit ausmacht, die ich meine.

Noch viel wichtiger aber, fand ich bei Fromm den Hinweis auf Eugen Herrigels Buch „Zen in der Kunst des Bogenschießens“ und Nyanaponika Mahatheras Buch „Geistesschulung durch Achtsamkeit“, die mich dann über Robert Aitkens Buch „Zen als Lebenspraxis“ und Pater Enomiya-Lassalles Bücher über Zen zur Praxis des japanischen Soto-Zen brachten.

Vieles von dem, was ich mit meinem Lehrer, Olivier Rei Gen Wang-Genh, mit den vielen, lieben Gefährten und in der Auseinandersetzung mit dem immensen geistigen Schatz des Buddhismus in fünfzehn Jahren intensiver Praxis lernen durfte, übersteigt, was ich fassen und aussprechen kann. Aber es umfasst auch vieles, das ausgesprochen und vermittelt, vor allem aber gelebt werden will.

Mit dem Zurücklassen der formalen Praxis des Zen-Buddhismus vor elf Jahren hat sich mein Blick nach und nach für viele andere Formen und Wege alltagsnaher und zeitgemäßer Gelassenheitspraxis geweitet. Diese aufzuzählen sprengt den Rahmen dieses Artikels und wäre geradezu absurd.

Genug für heute

Heute habe ich mein Gelassenheitsverständnis vor Ihnen ausgebreitet und mich bemüht, meine Gelassenheitswurzeln freizulegen. Im nächsten und letzten Artikel dieser Serie ergänze ich den Gelassenheitsbegriff um Synonyme aus unterschiedlichen Kontexten.

Weiterhin gebe ich einen äußerst wichtigen Hinweis, worauf es ankommt, wenn wir diese Form der Gelassenheit in unserem Leben kultivieren wollen.

Abschließend übergebe ich das Wort an große Meister der Gelassenheitspraxis und ziehe mich klammheimlich und leise aus der Affäre.

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Author Martin Wedgwood

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