Ein Plädoyer für den bissigen Humor als nicht-ernstzunehmende Alternative zu den vielen ernsthaften Versuchen, auf jene fordernden Fragen zu antworten, die uns das Leben täglich vorlegt. (Als Fortführung eines kurzen “Gesprächs” auf Facebook rund um Böhmermanns “Off-Duty-Eskapade”)


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“Ich kenne mich aus. Ich weiß Bescheid. Ich sag euch, was Sache ist. Ich richtig. Du falsch. Ich Wahrheit. Ich objektiv. Ich zuverlässige Quellen. Ich politisch korrekt. Du? Unwissende Peinlichkeit. Boulevard-politische Posse. Geh weg!”

Im kommunikativen Fremdenherumgelümmel tun viele so, als würde es um Inhalte und Diskurs gehen. Aber egal wie eloquent oder sprachlich tiefer gelegt da geschwurbelt wird: Mir scheint, dass es die meiste Zeit darum geht, zur Schau zu stellen und sich öffentlich zu vergewissern, wer man ist und wo man sich auf irgendeiner Skala verortet. Möge dies die Skala des allgemeinen Durchblicks, der Vaterlandsliebe oder der politischen Correctness sein.

Ich hab’s recht gemütlich, hier am Jägerzaun

Ich persönlich beziehe zum Beispiel Position am virtuellen Jägerzaun. Ich mime den Zaungast und kommentiere nahezu unverständlich das Geschehen wie ein seniler alter Professor, der mit sich selbst zu sprechen scheint.

Aber wahrscheinlich tue ich all den Mitmenschen, die ich kaum oder gar nicht kenne, unrecht. Wie ich immer im Unrecht sein muss, wenn ich über jemanden rede, gerade so als könnte ich etwas über diesen anderen wissen, wo ich doch kaum etwas über mich selbst zu fassen kriege.

Zumindest bin ich im Unrecht, wenn ich mit Wahrheit, Objektivität und Wissen kokettiere, wo ich mich doch vor allem meiner kreativen Denk- und Einbildungskraft (um das deutsche Wort für das kürzere und lautmalerisch schönere “Imagination” zu nutzen) erfreue.

Ich schaue mir an, was in mir auftaucht,

  • wenn ich lese, was andere schreiben,
  • wenn ich höre, was andere sagen und
  • sehe, was andere tun.

Es ist ein reiner schöpferischer Akt, der ohne meine Einmischung auskommt. Gedanken poppen hoch. Und ich freue mich daran. Sie gehören mir nicht. Ich gehöre ihnen nicht. Wir treffen uns im Vorübergehen.

Ich bin nicht mein Denken. Es sind autonome schöpferische Kräfte, die in mir und durch mich hindurch wirken und die beim Auftauchen all dessen, was ich mir als die anderen und deren Ansichten zu verkaufen geneigt bin, zur Höchstform auflaufen.

Gibt es dich und mich, die Fremde und den Fremden überhaupt? Wer weiß das schon? Ich sehe Nasen und Augen und Haare und Beine und Bärte und Arme und Füße und Menschen. Und auch das ist nicht ganz sicher …

(Ich weiß, die letzten Sätze sind schwer zu lesen und schwer zu verstehen. Aber ich finde sie nett. Und sie haben ihren eigenen Willen. Und sie wollen in ihrer ganzen Befremdlichkeit so sein und gesehen werden, wie sie eben sind. Und so leid es mir tut, manchmal unternimmt der Autor nur verzweifelte Versuche zwischen eigenwilligen, dahergelaufenen Sätzen und berechtigten Leserinteressen zu vermitteln).

Der Boskop der Mehrdeutigkeit

(Mehrdeutigkeit – deutsch für “Ambiguität”. Das Wort, das ich wegen dem, was es beim Aussprechen mit meinem Mund und meinen Ohren macht, so gerne mag und weniger, weil ich mich wortgewandt über den Pöbel erheben möchte. Boskop = ziemlich saurer Apfel – Querverweis auf die Redewendung: In den sauren Apfel beißen müssen)

Vielleicht ist die Welt ziemlich uneindeutig oder einfach erschreckend mehrdeutig und beängstigend unfassbar. Vielleicht ist das dann verunsichernd, wenn ich allein im Außen Ruhe, Sicherheit und Orientierung suche.

Vielleicht sind die Sehnsucht nach Eindeutigkeit, nach geistiger Selbstverortung (also das Bestreben, mich selbst einzuordnen, beheimatet und zugehörig zu fühlen) und die trotzige Verweigerung gegenüber der Mehrdeutigkeit, die tiefen Wurzeln von Hass, Dogmatismus und Faschismus.

Wenn das so ist, dann ist es vollkommen egal, welche Position ich beziehe. Jede Position, hinter der ich mich verschanze und von der aus ich in den Kampf für meine wahre und objektive Sache ziehe, ist potentiell fundamentalistisch und faschistisch. Da werden selbst Engelsflügel schwarz und klebrig, wie jene der Wasservögel nach einer Öltankerhaverie.

Vielleicht ist das ganze kognitive und kommunikative Gefummel im virtuellen Raum vor allem ein Versuch, eine geistige Verbindung zu irgendetwas da draußen herzustellen, ein virtuelles Netzwerk, ein pseudo-soziales Auffangnetz, das uns gegen den bevorstehenden tiefen sozialen und existenziellen Sturz absichern soll.

  • Und wir verstehen nicht, dass die gefühlte Höhe des bevorstehenden Falls dem Grad unserer Selbstentfremdung und unserer Entfremdung vom Leben selbst entspricht.
  • Wir erkennen nicht, dass all das immer nur unsere Einbildung ist, ein undurchdringbares Gewusel von Spiegelbildern unserer Phantasie.
  • Wir erkennen und spüren nicht, dass wir immer in tiefer Verbindung mit allem leben.
  • Wir sind stumpf gegenüber unserer existenziellen Geborgenheit, weil wir so damit beschäftigt sind, dem Leben unseren Willen aufzuzwingen und versuchen, künstliche Verbindungen und Verbindlichkeiten an der Oberfläche zu schaffen, wo das Leben Autonomie, Differenzierung und Individuation fordert.

Demut ist nicht so der Hype

Mich vor der Vielfalt der Perspektiven verneigen. Mich vor dem Nichtwissen verneigen. Mich vor der Orientierungslosigkeit an der Oberfläche verneigen. Mich in der echten Begegnung als Mensch zu erkennen geben. Mich offen und beweglich dem Leben anvertrauen. Auf das vertrauen, was sich jetzt zeigt und jetzt gelebt werden will – in mutigem und achtsamem Kontakt mit dem, was jetzt ist. Welche Alternativen gibt es dazu?

Wir können die Mehrdeutigkeit sichtbar machen. Wir können ihr zu Respekt und Anerkennung, vielleicht sogar zum Durchbruch verhelfen, auch und gerade indem wir sarkastisch und zynisch die selbstgefälligen Bescheidwisser aller Couleur und die ambitionierten Ritter der Eindeutigkeit persiflieren.

Ich empfinde das als eine von drei nahezu ohnmächtigen Optionen, um mit der beeindruckend kommunikativen Wirklichkeitskonstruktionsfreude der Identitäts- und Sicherheitshungrigen umzugehen.

Die anderen beiden heißen:

  1. Metakommunikation, bei der ich bei mir selbst heraus kommen muss, wenn ich mich nicht in Blabla und Projektionen verlieren will und, vielleicht eleganter
  2. Schweigen.

Aber mit dem Schweigen landen wir bei Watzlawick und der Unmöglichkeit, nicht zu kommunizieren. Und vielleicht ist das im virtuellen Raum dennoch die beste aller Optionen: Das Maul halten.

Denn das Menschliche, das Heilsame, das, was zu Beruhigung, Klärung, Besänftigung, Befriedung und wechselseitiger Inspiration beiträgt, braucht möglicherweise die echte, direkte Begegnung von Herz zu Herz.

Triumph der bissigen Komödie

Arrghhh! Igittigitt! Ich spüre Pathos und schwulstiges Geschwurbel in mir aufsteigen. Holt schnell den Vodka. Holt Schminkkoffer, die Rassel und die Konfetti-Kanone.

Kommen wir zum letzten, wichtigen, (Trommelwirbel) höchsten Punkt meiner wackeligen Ausführungen hier: Ich glaube an die erlösende Kraft jener göttlichen Komödie, die das pathetische Drama, Schattenboxen und Spiegelfechten zerbröselt, in dem wir uns so gerne ausgiebig suhlen.

Komödie, Humor und Selbstironie – für meinen Geschmack auch in schockierender Dosis und Intensität – bringen die Mauern jener Trutz- und Trotzburgen zum Einsturz, die wir aus bedrohlichen und gekränkten Kindergefühlen heraus hochgezogen und als Erwachsene zu Hochsicherheitstrakten ausgebaut haben, in denen vor allem wir selbst eingesperrt leben.

Ich glaube an das schallende Lachen, das aus der Tiefe der eigenen Lebendigkeit kommt. Es ist eine Antwort, so sie spontan und echt kommt, die weit reicht. Aber noch wirkungsvoller ist vielleicht das Lachen, das wir im Innern an die Leine nehmen, vielleicht hier und dort hell aufblitzen, vor allem aber durch unser Tun und Lassen wirken lassen.

Wie dem auch sei:
Manchmal ermüdet mich das ganze wichtige Gedöhns, der sich selbst, ihre Ansichten und Anliegen so fürchterlich Ernstnehmenden – mich selbst eingeschlossen. Dann komme ich zuweilen bei den klug und überraschend kommunikativ auf die Kacke hauenden anderen heraus:

  • den frechen Zen-Meistern,
  • den Sufi-Narren,
  • den schrägen taoistischen Vögeln,
  • den Käptn Pengs,
  • den Böhmermanns,
  • den Tim Minchins und
  • Anke Engelkes.

Und dann fühle ich mich für einen Moment an einem Ort daheim, an dem man weder bleiben, noch sich gemütlich einrichten kann.

Und irgendwie ist mir das am Liebsten.

Author Martin Wedgwood

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