Keine Ahnung, wie es Ihnen geht, aber ich nutze vielfältige Möglichkeiten, um einer echten und produktiven Auseinandersetzung mit meinen Problemen aus dem Weg zu gehen. Das ist töricht und dumm, aber so ist es nun mal. Eine besonders geniale Möglichkeit besteht darin, Probleme selbst zu nutzen, um eine echte Auseinandersetzung mit diesen zu vermeiden.

Das klingt erstmal ein bisschen kompliziert, aber im Grunde mache ich etwas ganz einfaches. Ich verarsche mich selbst. Ich tue so, als würde ich meine Probleme ernst nehmen, aber in Wirklichkeit tue ich nur so als ob. Manchmal wage ich dabei wilde, dramatische oder gar akrobatische Figuren. Aber immer schön um den heißen Brei herum.

Probleme mit der Vortragsvorbereitung

In Vorbereitung auf meinen Vortrag  “Probleme sind nicht das Problem” am 24. November hier in Offenburg habe ich jetzt 24 Strategien ausgemacht und mit Worten eingefangen, die ich je nach Situation nutze, um mir

  • entweder vorzumachen, ich würde mich bereits produktiv mit meinen Problemen auseinandersetzen, oder
  • um mir selbst zu erklären, dass ich mich mit einem bestimmten Problem überhaupt nicht auseinandersetzen muss, will oder kann – egal, wie laut die Alarmsirenen kreischen.

Nun musste ich im Laufe der Vorbereitung zwei Dinge erkennen:

  1. scheint es mir unmöglich, diese 24 Varianten auswendig zu lernen
  2. würde ich damit den Rahmen des Vortrags sprengen

Da es hundert weitere Gründe und Möglichkeiten gibt, einmal mehr den Rahmen zu sprengen, ich im Rahmensprengen schon sehr viel Übung habe und ich diesmal einigermaßen innerhalb des gesetzten Rahmens bleiben möchte, poste ich die 24 Strategien vorab.

So kann ich beim Vortrag einfach darauf verweisen und meinen roten Vortragsfaden in der Hand behalten. Darüber hinaus entlaste ich mich auf diese Art von geistigem Ballast, der bei mir in allzu großer Menge anfällt. Vermutlich sollte ich mal meine Ernährung auf ballaststoffärmere Kost umstellen …

Problemaktivismus in 24 sinnlosen Geschmacksrichtungen

Hier also meine 24 ultimativen Strategien, mich meinen Problemen zu widmen ohne ein einziges wirklich anzupacken:

  1. Die Stockholm-Strategie: Ich hänge so lange verängstigt, passiv und ohnmächtig mit den Problemen rum, bis sie sich wie Heimat, Zuhause und Familie anfühlen
  2. Die Ich-habs-im-Griff-Strategie: Und was ich nicht im Griff habe, das blende ich aus, indem ich mich auf das konzentriere, was ich im Griff zu haben hoffe
  3. Die Ich-knall-mich-raus-Strategie: Ich betäube und berausche mich mit allem, was ich finden kann. Im Zweifelsfall tun es auch Ideen und Tagträume. Aber besser sind Sex, Drogen, Arbeit, Hoffnung und Sport. Und wenn die verhassten Probleme dennoch an die Oberfläche poppen, dann lege ich noch eine Schippe drauf.
  4. Die Jammer-Strategie: Ich erzähle über all meine Probleme, vergesse mich und die Probleme dabei, und bringe meine Mitmenschen mit meiner negativen Aura ins Grab.
  5. Die Irgendwann-wird-ein-Wunder-geschehen-Strategie: Heute nicht, aber morgen vielleicht, nein, ganz sicher, auch wenn ich keine Ahnung habe wie, na ja, vielleicht ein Lotto-Gewinn oder, hm, irgendwas …
  6. Die Selbstbestrafungsstrategie: Es geschieht mir Recht. Diese Probleme habe ich verdient. Und wenn wir schon mal dabei sind, ich nehme gerne noch ein paar weitere auf mich.
  7. Die Opfer-Strategie: Ich würde, wenn ich könnte doch X, Y und Z haben dazu geführt, dass ich heute nicht mehr handeln kann
  8. Die Die-anderen-sind-schuld-Strategie: Würden X, Y und Z nicht A, B und C machen, dann könnte ich D, E und F machen. Aber hallo, unter diesen Bedingungen. Was erwartest du?
  9. Die Ich-habe-es-schon-oft-probiert-Strategie: Ich habe es schon ein-, zweimal mit maximalem Engagement probiert. Aber ich komme nicht schnell genug voran. Und insgesamt bin ich mit den Ergebnissen meiner Anstrengungen unzufrieden. Es klappt nicht.
  10. Die Projektions-Strategie: Ich sehe die vielen Splitter in all euren Augen, doch das dicke Brett vor meinem Kopf? Hallo? Welches Brett?
  11. Die Verklärungs-Strategie: Früher war, morgen wird und woanders ist alles besser. Solange ich keine Zeitreisen unternehmen oder mich von hier nach dort beamen kann, fange ich gar nicht erst an
  12. Die Mangel-Strategie: Ich würde, doch mir fehlen X, Y und Z. Gib mir X, Y und Z, dann lege ich los.
  13. Die Anlehn-Strategie: X, Y und Z müssen den ersten Schritt machen, dann fasse ich mir ein Herz
  14. Die Augen-zu-und-durch-Strategie: Wieso das Problem achtsam und klug lösen und gut mit mir selbst dabei umgehen, wenn ich mich stumpf und taub durchquälen und mich selbst dabei verraten kann? Wen juckts, dass ich mir damit das Leben zur Hölle mache und zehn neue Probleme mit einer Lösung hervorbringe?
  15. Die Psychologisierungsstrategie: Alles ist gut mit meinen Problemen. Ich wiederhole meine Kindheit und muss mich mit meinen Traumata konfrontieren. Solltest du auch tun, schau dich doch mal an.
  16. Die Selbstentwertungsstrategie: Ich bin es nicht wert, ein anderes Leben zu führen. Ich war es nie und werde es nie sein. Also mache ich es mir mit meinen Problemen (un)gemütlich
  17. Die dafür-bin-ich-mir-zu-schade-Strategie: Das habe ich nicht nötig. Ich habe dieses und jenes, kann dieses und jenes, kenne diesen und jenen. Da werde ich mich doch nicht mit X, Y und Z herum schlagen.
  18. Die Kreuztrag-Strategie: Der liebe Gott hat mir diese Bürde auferlegt, auf dass ich demütig werde und genügsam lebe. Das irdische Leben ist Leiden und Bewährung. Im Jenseits warten Glück und Erlösung und jede Menge Jungfrauen.
  19. Die So-bin-ich-eben-Strategie: So bin ich. Diese Fehler und Probleme sind ein Teil von mir und wenn ich sie verliere, dann verliere ich ein Stück von mir selbst. Komm mir noch einmal damit, ich solle meine Probleme lösen. Arsch.
  20. Die das-Problem-gehört-jemand-anderem-Strategie: Ich bin nicht gemeint. Das ist versehentlich bei mir gelandet. Schnell hier, ich glaube es gehört dir.
  21. Die das-Problem-übertrag-ich-jemand-anderem-Strategie: Vielleicht gehört es mir, aber ich will es nicht haben. Du bist dumm, naiv und schwach. Nimm es oder du wirst es bereuen.
  22. Die asketische Strategie: Körper, Lust und Wünsche sind die Wurzel aller Probleme. Mit Selbstkasteiung und Entsagung reiße ich die Wurzel aus. Und wenn es nicht klappt, dann quäle ich mich so sehr herum, dass mich die Endorphine in Rausch versetzen.
  23. Die Das-System-macht-krank-Strategie: Ich habe Probleme und du hast Probleme, weil andere uns ausbeuten und sich auf unsere Kosten bereichern. Lass uns der sozialen Ungerechtigkeit den Krieg erklären, dann wird alles gut. Oder lass uns im Kampf sterben und Jungfrauen im Paradies vögeln.
  24. Die Sündenbock-Strategie: Die Juden, die Araber, die Christen, die Buddhisten, die Schwarzen, die Flüchtlinge, die Flüchtlingshasser, die Schwulen, die Transsexuellen, die Nachbarn und die Mafia sind an allem Schuld. Weg damit, dann wird alles gut.

Wie steht es mit Ihnen?

Haben Sie sich an der einen oder anderen Stelle wieder erkannt? Das wäre toll, denn dann würde ich mich weniger alleine in meinem manchmal absurden Gezappel fühlen. Und dann hätten Sie vielleicht einen Grund, am 24. November zu meinem Vortrag dazu zu stoßen. Da werde ich streitbar darüber sprechen,

  • warum wir eine echte Auseinandersetzung mit unseren Problemen vermeiden,
  • wohin uns das führt und was uns dabei entgeht,
  • welche neuen Perspektiven bezogen auf unsere Probleme und unbequeme Themen wir einnehmen können und
  • was wir genau tun können, um uns auf belebende, produktive und gelassene Weise mit unseren Problemen auseinanderzusetzen.

Ich habe es vermutlich schon deutlich gemacht. Nur ein letztes mal, um sicher zu gehen:
Ich würde mich sehr freuen, Sie dort zu treffen, um mich mit Ihnen über gelassene Problemnutzung auszutauschen. Sie können sich gleich online ein Ticket sichern oder spontan vorbei schneien.

Author Martin Wedgwood

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